Apple hat Glas neu erfunden. Natürlich.
„Liquid Glass" nennen sie es, ein Name, der weniger nach Designsprache klingt und mehr nach einer Feuchtigkeitscreme aus der Drogerie. Aber darum geht es hier nicht. Es geht um Apple. Und darum, wie eine Firma vom Goldstandard des Designs zu durchsichtigem Wackelpudding für die Massen wurde.
Früher wirkten Apple-Geräte wie kleine Kunstwerke. Heute schwimmen Icons wie Gelee in einer durchscheinenden Suppe. Anders ist das, keine Frage. Gestalterisch aber seltsam.
Apple hat die Design-Führung abgegeben
Das hier ist keine Beschwerde über unlesbaren Text auf verschwommenem Hintergrund, so berechtigt sie wäre. Genug andere haben das schon durchgekaut.
Es geht um mehr. Apple setzt keine Design-Standards mehr, Apple folgt ihnen.
Apple sagte früher öfter Nein als Ja. Das war die eigentliche Stärke: kuratieren, entscheiden, damit die Kundschaft es nicht selbst tun muss. Genau das kritisierten Android-Nutzer jahrelang an Apple, die fehlende Anpassbarkeit. Jetzt hat Apple diese Stärke abgelegt und reagiert nur noch darauf, was Umfragen als Wunsch ausspucken.
Wahlfreiheit klingt gut. Ist sie aber nicht automatisch. Wahlfreiheit ohne Geschmack endet bei Homescreens, die aussehen wie eine Tumblr-Seite aus 2009.
Design für die Mitte des Marktes
Diese Kehrtwende passt ironischerweise genau ins Bild. Liquid Glass könnte sogar gut aussehen, unter anderen Voraussetzungen.
Aber die Firma, die einst Geräte für Kreative baute, weil das damals ihr Markt war, baut heute Telefone für Tante Erna, weil das heute in vielen Ländern der Markt ist. Tante Erna verdient ein gutes Telefon, keine Frage.
Nur bedeutet das: Apple gestaltet inzwischen für den Durchschnitt. Personalisierung verkauft sich, Wahlfreiheit verkauft sich, fragt Google mit Android. Design ist aber keine Demokratie. Nicht jeder ist Gestalter, auch mit Hilfe von ChatGPT nicht. Gutes Design ist kompliziert, und es noch komplizierter, dabei einfach zu wirken. Mühelos. Und trotzdem frisch.
Diese Unschärfe zwischen Vision und Publikumsgeschmack zieht sich inzwischen durch mehr als nur die Oberfläche. Auch beim Aufbau eines echten Firmenpakets fehlt Apple die klare Haltung, die die Firma einmal ausgezeichnet hat.
Was Steve nie gemacht hätte
Das hier ist nicht mehr das Apple, das Steve Jobs gebaut hat. Das wissen wir alle.
Jobs sagte einmal, Menschen wüssten nicht, was sie wollen, bis man es ihnen zeigt. Genau das machte Apple mächtig. Heute fragt Apple die Menge, was sie will, und liefert es einfach. Das ist keine Innovation. Das ist Marketing.
Finanziell ergibt das durchaus Sinn, und genau darum geht es. Tim Cook ist ein Finanzmensch, und Apple ist ein Billionen-Dollar-Konzern, der es allen recht machen muss, überall.
Liquid Glass ist in Ordnung, aber auch visuell uneinheitlich. Auf einem Telefon wirkt es elegant. Auf dem nächsten wie ein überklebter Bastelbogen. Dieselbe Oberfläche sieht komplett anders aus, je nach Hintergrundbild, Farbschema, Tagesform der Nutzerin.
Apple verkaufte einmal eine einzige Erfahrung, eng geführt und besessen poliert. Verständlich für alle, und trotzdem beeindruckend anzusehen. Apple stand für klares, modernes Design. Weißraum. Balance. Gestalterische Disziplin. Inzwischen sieht ausgerechnet Googles Design frischer aus.
Ein Jahr später rudert Apple selbst zurück
Das Original zu diesem Essay ist im Sommer 2025 entstanden, kurz nach der ersten Liquid-Glass-Vorstellung auf der WWDC. Ein Jahr später, auf der WWDC 2026 im Juni, hat Apple mit iOS 27 nachgebessert, und zwar an genau den Stellen, die hier kritisiert wurden.
Es gibt jetzt einen Transparenz-Regler in den Einstellungen, von komplett durchsichtig bis fast blickdicht. Icons haben dunklere Ränder und deutlichere Konturen bekommen, damit sie sich vom Hintergrund abheben. Genau die Lesbarkeitsprobleme, über die sich seit dem Start alle beschwert hatten.
Das Nielsen Norman Group, eine der bekanntesten Instanzen für Nutzerfreundlichkeit, hatte die Kritik im Herbst 2025 mit echten Daten unterlegt: Textkontraste über bewegten oder unruhigen Hintergründen fielen wiederholt unter lesbare Schwellenwerte, gerade bei hellem Umgebungslicht. Die Analyse beschrieb die Oberfläche als unruhig, wenig vorhersehbar und ständig ablenkend, statt Inhalte einfach zugänglich zu machen.
Dass Apple ein Jahr später selbst nachbessert, ist kein Randdetail. Es bestätigt genau die These von damals: Eine Design-Führung, die noch weiß, was sie tut, testet solche Effekte an echten Bildschirmen, bevor eine Milliarde Geräte damit ausgeliefert wird, nicht danach.
An genau dieser Stelle trifft sich große Design-Kritik mit ganz praktischer Website-Arbeit: Auffälligkeit darf Lesbarkeit nie im Weg stehen. Ich schreibe an anderer Stelle darüber, wie genau dieses Spannungsfeld bei ganz normalen Websites aussieht, im Kleinen gilt dieselbe Regel wie bei Apples Milliarden-Dollar-Redesign.
Apple gestaltete früher für eine Vision. Jetzt gestaltet die Firma für Stimmungen. Personalisierung macht Spaß, bis sie die Markenidentität auffrisst.
Apple kann immer noch schöne Dinge bauen, das zeigen die Apps, mit denen ich täglich arbeite, ziemlich eindrücklich. Nur hat die Firma aufgehört, sich bewusst dafür zu entscheiden.

