Die Dead-Internet-Theorie ist zur Hälfte wahr

Burk Von Burk
Eine Herzschlaglinie, die zur Nulllinie wird
Eigene Grafik

Facebook hat im vergangenen Jahr rund 3,5 Milliarden Fake-Accounts entfernt. Milliarden. Mit M. Das sind fast zehn Millionen am Tag. Zahlen, die keiner von uns mehr greifen kann.

Bei Deezer ist mehr als die Hälfte aller neu hochgeladenen Songs komplett KI-generiert. Rund 90.000 Stücke. Täglich. Wobei, wer nutzt eigentlich Deezer...

Solche Zahlen klangen früher nach Verschwörungstheorie. Heute stehen sie in Transparenzberichten.

Ich glaube nicht, dass das Internet tot ist. Noch nicht, nicht wirklich. Aber es bröckelt ein bisschen, findet ihr nicht?

Dieses Gefühl hat einen Namen: die Dead-Internet-Theorie.

Die Theorie

Angefangen hat es 2021 in einem Forum namens Agora Road's Macintosh Cafe. Der Thread: „Dead Internet Theory: Most of the Internet is Fake". Die Behauptung: Das meiste, was wir online sehen, stammt nicht mehr von Menschen. Bots erstellen die Inhalte, Bots klicken sie an, und eine Gruppe im Hintergrund steuert das Ganze, um uns zu manipulieren.

The Atlantic griff das noch im selben Jahr auf und sortierte es höflich als Verschwörungstheorie ein. Dorthin also, wo auch die flache Erde und die Mondlandungs-Zweifel wohnen.

Der Teil mit der geheimen Gruppe ist bis heute genau das: eine Verschwörungstheorie. Niemand steuert das Ganze... hoffe ich...

Die andere Hälfte der Theorie aber, Maschinen machen Inhalte für Maschinen, ist seit einer Weile keine Theorie mehr. Große Teile davon sind heute schlicht Messung.

Wir Schreibenden merken das auch. Geschrieben wird von KI. Gelesen zunehmend ebenfalls. Und wir sitzen irgendwo dazwischen.

Die Zahlen

Imperva, eine Sicherheitsfirma, die beruflich Bot-Traffic zählt, hat in ihrem Report für 2024 festgehalten: Automatisierter Traffic hat den menschlichen zum ersten Mal überholt.

51 Prozent des gesamten Web-Traffics sind Bots. 37 Prozent sind bösartige Bots.

Musik: Spotify hat in zwölf Monaten 75 Millionen Spam-Tracks gelöscht. Bei Deezer stieg der KI-Anteil neuer Uploads von 10 Prozent im Januar 2025 auf über die Hälfte heute. Und in einer Umfrage von Deezer und Ipsos konnten 97 Prozent der Hörer KI-Musik nicht von menschlicher unterscheiden.

Konnten sie nicht unterscheiden... das ist hier der entscheidende Teil.

Bücher: Forscher haben 14.419 im Selbstverlag erschienene Genre-Romane auf Amazon untersucht. Jeder fünfte enthielt in wesentlichen Teilen KI-Text. Unter den Neueinsteigern in die Top-25-Bestsellerränge waren es 2026 schon 31 Prozent. Kein einziges dieser Bücher hat das offengelegt.

Die Leser greifen noch überwiegend zum Menschlichen: Die KI-Bücher stellen 20 Prozent des Katalogs, aber nur rund 12 Prozent der Verkäufe.

Noch.

Bots liken Bots

Das düsterste Szenario der Theorie ist, genau betrachtet, erstaunlich banal. Ein Bot gratuliert euch zum Geburtstag. Ein anderer Bot liket den Post und bedankt sich. Irgendwo zählt ein Dashboard zwei Interaktionen, und an keiner Stelle war ein Mensch beteiligt.

Die kleine Version davon sehe ich unter meinen eigenen Artikeln. Höfliche, sauber gegliederte Kommentare, vage passend zum Text und eindeutig von einer Maschine geschrieben. Über diese Kommentare habe ich schon einmal geschrieben (auf Englisch).

Die Feeds machen es vermutlich schlimmer. Sie spülen nach oben, womit Leute interagieren, und KI-Slop ist fremd genug, dass wir hängen bleiben und starren. Jedes Starren sagt dem Algorithmus, dass er das noch mehr Leuten zeigen soll. Und ein Teil dieser „Leute" sind wieder Bots.

Ihr seht das Problem...

Model Collapse

Darunter liegt eine zweite Schleife. KI-Modelle trainieren auf Text aus dem Internet. Das Internet füllt sich mit KI-Text. Also trainieren die Modelle zunehmend auf ihrem eigenen Output.

Forscher haben in Nature gezeigt, was dann passiert: Die Modelle bauen ab. Der Output wird eintöniger, repetitiver, falscher. Model Collapse nennen sie das. Für Texte habe ich dieses Gedankenexperiment an anderer Stelle zu Ende gedacht.

In der Praxis hat das bisher niemand ausgemessen. Die Labore kennen das Problem und filtern ihre Trainingsdaten. Aber die Richtung steht: Je voller das Internet mit synthetischen Inhalten ist, desto schwerer wird es, auf... dem Internet zu trainieren.

Etwas daran ist fast gerecht.

Menschliche Ecken

Erkennungswerkzeuge werden uns nicht retten. Sie lassen sich leicht täuschen oder liegen von vornherein daneben. Die EU versucht es seit August mit einer Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte, Artikel 50 der KI-Verordnung. Auch das hilft vielleicht eine Weile. Bis es das nicht mehr tut.

Die wahrscheinliche Zukunft ist deshalb die Umkehrung: Wir werden nicht das Falsche markieren. Wir werden das Echte verifizieren.

Ich habe schon einmal aufgeschrieben, dass es egal ist, ob KI es geschrieben hat. Wenn eine Geschichte gut zu lesen ist, ist sie gut zu lesen. Dabei bleibe ich.

Aber der Dead-Internet-Theorie geht es nicht um den Autor der Geschichte. Ihr geht es darum, ob die Geschichte hinterher überhaupt noch jemand liest.

Es könnte sich herausstellen, dass Menschen Inhalte von anderen Menschen wollen. Wenn das stimmt, finden entweder die bestehenden Plattformen Wege, verifizierte Menschen sichtbar zu machen, oder es entstehen neue Netzwerke, die genau das tun. (Eine ziemlich reizvolle Vorstellung.)

Wenn nicht, wird die Trennung auch eine finanzielle: Einige zahlen für menschliche Arbeit, der Rest scrollt, was der Feed ausschüttet.

Noch nicht tot

Ich verdiene heute einen großen Teil meines Lebensunterhalts in diesem Internet. Mit echten Lesern, soweit ich das beurteilen kann. Danke dafür!

„Soweit ich das beurteilen kann" ist allerdings die neue Formulierung. Denn manchmal kann ich es eben nicht.

Das Internet ist nicht tot. Die Menschen sind alle noch hier, irgendwo. Sie schreiben, lesen, streiten, kaufen merkwürdiges Zeug. Wir werden nur schwerer zu finden. Und zahlenmäßig verlieren wir, so viel steht fest.

Lohnt sich trotzdem, einander zu suchen... findet ihr nicht?

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