Vor zwei Jahren habe ich aufgeschrieben, dass mir SEO auf Medium ziemlich egal ist. Der Algorithmus bringe die Leser, nicht Google, und ich schreibe sowieso, was ich schreiben will.
Inzwischen kommt der größte Teil meiner Medium-Leser aus der Google-Suche. Mehr als über den Feed, mehr als über geteilte Links.
Medium hat sich dafür nicht geändert. Ich habe eine Einstellung umgelegt.
Die eigene Domain macht aus einem Medium-Artikel euren Artikel
Standardmäßig liegen eure Texte unter medium.com/@euername/irgendein-titel. Diese Adresse teilt ihr euch mit ein paar hunderttausend anderen Leuten. Für Google ist das ein Medium-Artikel, an dem zufällig euer Name steht.
Verbindet ihr eine eigene Domain, ändert sich die Adresse. Meine Texte liegen unter stories.byburk.net. Gleiche Redaktion, gleicher Editor, gleiche Kommentare, nur eine andere Zeile im Browser. Und diese Zeile gehört mir.
Technisch ist das ein einziger DNS-Eintrag. Ich habe das an anderer Stelle ausführlich durchgespielt, samt der Frage, warum eine Subdomain dafür sauberer ist als die Hauptdomain. Medium verlangt dafür eine aktive Mitgliedschaft, die kostet 5 Dollar im Monat oder 50 im Jahr (Stand Juli 2026). Extra bezahlen müsst ihr für die Domain nichts.
Ehrlicherweise kann ich euch nicht beweisen, dass die Domain allein den Ausschlag gegeben hat. Ich habe in derselben Zeit auch anders getitelt und regelmäßiger veröffentlicht. Googles John Mueller sagt seit Jahren, Subdomains und Unterverzeichnisse würden gleich behandelt. Was ich sicher sagen kann, ist der zweite Effekt, und der ist mir inzwischen fast wichtiger.
Ohne eigene Domain seht ihr eure eigenen Zahlen nicht
Die Google Search Console zeigt euch, mit welchen Suchbegriffen Leute auf euren Seiten landen, wie oft ihr überhaupt in den Ergebnissen auftaucht und auf welchem Platz. Diese Daten bekommt ihr nur für Adressen, deren Besitz ihr nachweisen könnt.
Bei medium.com/@euername könnt ihr das nicht. Ihr kommt weder an die DNS-Einträge von Medium noch an den Quelltext der Seite, und beides sind die Wege, die Google für den Nachweis akzeptiert. Eure Artikel produzieren also Suchdaten, die ihr nie zu sehen bekommt.
Mit eigener Domain legt ihr eine Domain-Property für byburk.net an, hinterlegt einen TXT-Eintrag im DNS, und ab dem Moment läuft alles darunter mit ein. Bei mir also Medium unter stories. und Substack unter letters., zwei Plattformen in einer Ansicht. Das ist die Stelle, an der aus Bauchgefühl Zahlen werden.
Meine sehen so aus: über eine Million Sucheinblendungen im Quartal, ein paar tausend Klicks im Monat, jeden Monat. Das ist kein Feed, der mir Leser zuteilt. Das sind Leute, die etwas in ein Suchfeld getippt haben und bei mir gelandet sind. Es läuft weiter, während ich schlafe, und es hört nicht auf, wenn ein Beitrag aus dem Feed rutscht.
Langweilige Titel gewinnen
Der meiste Medium-SEO stirbt schon in der Überschrift.
Ein kluger Titel bringt Applaus. Ein gesuchter Titel bringt Google. Das ist selten derselbe Titel. „Mein Terminal, zwei Jahre später" wird von niemandem gesucht. „Bestes Terminal für den Mac 2026" schon.
Ich habe mich dagegen gewehrt, weil sich das billig anfühlt. Tut es auch. Es funktioniert trotzdem, und die beiden Sätze schließen sich nicht aus: langweilig im Titel, eigenwillig im Text.
Auf Deutsch kommt eine Eigenheit dazu. Die Leute tippen die Wörter, die sie im Alltag benutzen, und das sind bei Technik oft die englischen. Niemand sucht nach „Eingabeaufforderung für Apple-Rechner". Schreibt die Wörter, die eure Leser tippen, nicht die, die im Duden stehen. Und die Jahreszahl gehört rein, weil sie mitgesucht wird und weil sie euch zwingt, den Text irgendwann zu aktualisieren. Was sonst noch in eine gute Überschrift gehört, habe ich drüben für Meta-Titles aufgeschrieben.
Evergreen schlägt Nachrichten
Nachrichten sterben am nächsten Tag. „Mediums neues Update" ist in vier Wochen wertlos, egal wie gut es lief.
Die Suche belohnt das Gegenteil. „So richte ich X ein", „die beste Y", „lohnt sich Z" werden Monat für Monat getippt, jahrelang. Meine ältesten Texte bringen mir bis heute Leser, und ich habe sie einmal geschrieben und danach vergessen.
Langweilig, nützlich, haltbar. Das ist die ganze Formel, und sie ist genau so unaufregend, wie sie klingt.
Die Übersicht mit KI nimmt sich einen Teil der Klicks
Google beantwortet inzwischen viele Fragen selbst. In Deutschland läuft die „Übersicht mit KI" seit dem 26. März 2025, seit Oktober auch der KI-Modus. Das verschiebt die Rechnung von oben.
Das Pew Research Center hat dafür im Juli 2025 rund 69.000 Suchanfragen von 900 Teilnehmern ausgewertet. Wenn eine KI-Zusammenfassung erschien, klickten die Nutzer in 8 Prozent der Fälle auf ein Suchergebnis, ohne Zusammenfassung in 15 Prozent. Auf eine der in der Antwort genannten Quellen klickte 1 Prozent.
Das heißt nicht, dass sich Suchmaschinenoptimierung erledigt hat. Es heißt, dass ein zweites Ziel dazugekommen ist. Ihr wollt nicht mehr nur auf Platz drei stehen, ihr wollt in der Antwort vorkommen. Praktisch bedeutet das: die eigentliche Aussage früh in den Text, nicht erst nach dem Aufwärmen. Zwischenüberschriften, die eine Behauptung enthalten statt eines Wortes. Kurze Sätze, die eine Sache definieren, und Zahlen mit Quelle daneben. Eine Maschine, die euren Text zusammenfassen soll, greift nach genau solchen Sätzen.
Ein Versprechen ist das keins. Ich weiß nicht, ob Google in einem Jahr überhaupt noch verlinkt. Aber es ist die Art zu schreiben, die auch für Menschen besser ist, und diese Wette gehe ich lieber ein als die auf einen Feed.
Was die Domain nicht löst
Google schickt den Leser, und Mediums Bezahlschranke kann ihn an der Tür wieder abweisen. Ihr habt die Adresse in der Hand, nicht die Regeln dahinter.
Die Leser gehören außerdem weiter Medium. Wer euch dort folgt, taucht in keiner Liste auf, die ihr mitnehmen könntet, und im Export ist er auch nicht. Das habe ich mir im Detail angesehen, als ich mein eigenes Archiv heruntergeladen habe.
Und ein deutscher Punkt, den das amerikanische Gespräch über Medium-SEO nie erwähnt: Sobald euer Schreiben geschäftsmäßig wird, greift § 5 DDG. Einnahmen aus dem Partner-Programm reichen dafür, Affiliate-Links erst recht. Dann braucht auch euer Profil ein Impressum, und Medium hat kein Feld dafür. Es bleibt der Umweg über eine eigene Seite, die ihr im Profiltext verlinkt. Unter eigener Domain fällt das stärker auf euch zurück, weil die Adresse nach eurem Angebot aussieht und nicht nach dem von Medium. Was da hineingehört, steht drüben im Ratgeber.
Unterm Strich
Verbindet die Domain, meldet sie in der Search Console an, titelt langweiliger, als euch lieb ist, und schreibt Dinge, die in zwei Jahren noch stimmen.
2024 war mir das alles egal. Heute lese ich morgens, welche Fragen Leute getippt haben, bevor sie bei mir gelandet sind, und die meisten davon stellen sie an Texte, die ich längst vergessen hatte.

