Der Substack-Export ist kein Backup

Burk Von Burk
Drei gestapelte Karten mit einem Pfeil nach unten in eine offene Ablage, die unterste Karte nur umrandet
Eigene Grafik

Substack hat einen Export-Knopf. Ihr klickt ihn, bekommt eine ZIP-Datei und habt danach das gute Gefühl, gesichert zu sein. Das Gefühl trügt gleich zweifach. Der Export ist nicht vollständig, und er ist nicht alles, was ihr tun solltet.

Mit dem Knopf allein habt ihr vielleicht ein Drittel erledigt.

Ich habe meinen eigenen Export aufgemacht und durchgezählt, statt der Hilfeseite zu glauben. Was drin ist, was fehlt und was ihr daneben braucht.

Der Export

Einstellungen, dann Import / Export in der linken Spalte, dann „Export your data". Ihr bekommt eure Beiträge als CSV und als HTML-Dateien, eure Abonnentenliste und eure Statistiken.

Bei mir sah das so aus: ganz oben eine posts.csv, eine email_list.csv und ein Ordner posts. Darin je eine HTML-Datei pro veröffentlichtem Beitrag, benannt nach Post-ID und Slug, dazu zwei kleine CSV-Dateien für jeden Beitrag, der als Mail rausging.

Die HTML-Dateien sind allerdings keine Seiten. Es sind nackte Textkörper. Kein html-Tag, kein head, kein Titel, kein Datum, kein Autor. In rund 1.100 Dateien war kein einziger Titel enthalten. Titel, Untertitel und Datum stehen ausschließlich in der posts.csv, verknüpft über die Post-ID. Wer aus dem ZIP ein lesbares Archiv machen will, muss die beiden selbst zusammenführen.

Entwürfe bekommen eine eigenwillige Behandlung. Meine tauchen in der posts.csv als Zeilen mit is_published auf false auf, und zu keinem einzigen gibt es eine HTML-Datei. Ihr bekommt den Titel eines Textes, den ihr nie fertig geschrieben habt. Nicht den Text.

Notes fehlen komplett. Kommentar-Diskussionen ebenfalls.

Das ZIP ist also eine Kopie eurer Texte. Gut, dass es sie gibt. Nur verwechselt sie nicht mit einer Kopie eurer Publikation.

Bilder

Hier wird es unangenehm. Der Export enthält keine einzige Bilddatei.

Die HTML-Dateien zeigen eure Bilder trotzdem an, weil sie auf Substacks Server verweisen. Auf eurem Rechner sieht deshalb alles vollständig aus. In meinem Export gingen alle Bildverweise auf zwei Amazon-Buckets von Substack, kein einziger auf eine lokale Datei.

Das ZIP wirkt komplett, bis zu dem Tag, an dem die Publikation weg ist. Danach ist jedes Bild darin ein graues Rechteck.

Molly White, die ihren Newsletter Citation Needed 2024 zu einem selbst gehosteten Ghost umgezogen hat, schreibt es deutlich: Wer den Export so nimmt, wie er kommt, verliert viel, und die Beiträge sind kaputt.

Es gibt zwei Auswege. Der eine führt über WordPress: den Substack-Export mit dem Importer-Plugin einlesen und dabei das Häkchen bei „Download and import file attachments" setzen. Dann landen die Bilder als echte Dateien in der Mediathek, und von dort könnt ihr sie weiterreichen.

Der andere ist, eure öffentliche Seite zu spiegeln, solange sie noch online ist, etwa mit wget --mirror --page-requisites --convert-links und den passenden erlaubten Domains. Das ist grob, Bezahlbeiträge kommen nicht mit, aber die Bilder habt ihr.

Am saubersten ist der Weg, der Planung braucht: die Texte samt Bildern von vornherein lokal schreiben und ablegen, bevor sie zu Substack hochwandern. Dann ist der Export nur noch die Zweitkopie und nicht die einzige.

61 von 73 Megabyte

Mein Export war 73 Megabyte groß. Die Beiträge machten 11 davon aus. Die restlichen 61 Megabyte waren Mail-Tracking.

Jeder Beitrag, der als Newsletter rausging, bekommt zwei zusätzliche Dateien. Eine delivers-CSV, die festhält, an wen die Mail ging, und eine opens-CSV für die Öffnungen. Und die hat es in sich. Pro Öffnung stehen darin die Mailadresse, das Land, die Stadt, die Region, der Gerätetyp, das Betriebssystem und die vollständige User-Agent-Zeichenkette.

Der Export ist damit nicht nur eine Sicherung eurer Texte. Er ist auch ein Protokoll darüber, wo eure Leserinnen und Leser saßen, als sie euch gelesen haben.

Für alle, die in der EU einen Newsletter betreiben, ändert das die Frage, wo diese Datei liegen darf. Mailadressen sind personenbezogene Daten, Standort- und Geräteangaben dazu machen es nicht besser. Ein Ordner voller solcher Zeilen gehört nicht in eine geteilte Dropbox und nicht offen in einen Cloud-Sync. Verschlüsselt ihn, oder legt ihn dorthin, wo sonst niemand hinkommt. Und löscht die alten Exporte, wenn ihr sie nicht mehr braucht. Wer die Daten hat, muss sie auch schützen. Ähnlich wie bei KI-Tools gilt: Der bequeme Weg ist selten der sparsame.

Eure Liste

Die Abonnentenliste liegt im ZIP, allerdings in der dünnen Fassung. Sieben Spalten: Mailadresse, ob das Abo aktiv ist, ein Ablaufdatum, der Tarif, ob Mailversand deaktiviert ist, das Anmeldedatum und das Datum der ersten Zahlung.

Die ausführliche Fassung holt ihr euch auf der Subscribers-Seite. Die drei Punkte über der Liste, dann „Export". Dort könnt ihr alle Spalten mitnehmen, bis hin zu der Information, wann jemand zuletzt eine Mail geöffnet hat.

Nehmt die. Dieselben Menschen, mehr Zusammenhang.

Und macht es regelmäßig, wenn euch die vielzitierte eigene Liste tatsächlich etwas wert ist. Eine Liste von vor acht Monaten fehlen acht Monate neue Leser, und das sind genau die, die sich wegen etwas Aktuellem angemeldet haben.

Zahlende Abos

Freie Abonnenten sind eine Tabelle. Zahlende Abonnenten sind eine Abrechnungsbeziehung, und das ist eine andere Sache.

Die gute Nachricht: Substack läuft auf eurem eigenen Stripe-Konto. Die Kunden sitzen also in einem System, das euch gehört. Ghost schreibt in seiner Umzugsanleitung, man solle dasselbe Stripe-Konto verwenden, dann laufen die Abos weiter, ohne dass alle ihre Karte neu eintragen müssen.

Die schlechte Nachricht steht in derselben Anleitung: Substack nimmt weiterhin 10 Prozent von euren bestehenden Bezahlabos. Ihr geht, und sie verdienen weiter an den Leuten, die vorher schon gezahlt haben.

Das klingt nach einem Fehler in der Dokumentation. Ist es nicht.

Substack hängt als verbundene Plattform an eurem Stripe-Konto, und jedes Abo, das Substack angelegt hat, trägt die 10 Prozent als Gebühr im Abo selbst. Publikation löschen, alle Beiträge entfernen, endgültig weggehen: Die Abos überweisen weiter. Molly White hat eine Warnung darum gebaut, weil sie genau darüber gestolpert ist.

Von allein nimmt das niemand heraus. Ihr müsst es anfordern.

Und es gibt einen falschen Weg, es anzufordern. Drückt nicht im Substack-Dashboard auf „Stripe trennen". Buttondown weist darauf hin, dass damit sämtliche Bezahlabos gekündigt und erstattet werden. White berichtet, dass ihr der erste Support-Mitarbeiter genau das vorgeschlagen hat.

Der Weg, der funktioniert, ist eine Mail an den Substack-Support mit der Bitte, es von deren Seite zu erledigen: Stripe von der Publikation trennen und die 10-Prozent-Gebühr entfernen, ohne bestehende Abos zu kündigen oder zu erstatten. White brauchte eine zweite Mail und fünf Tage, bis es jemand gemacht hat.

Erst wenn die Gebühr weg ist, kappt ihr die Verbindung von Stripe aus, unter Einstellungen, Team and Security, Installed Apps. In dieser Reihenfolge. Erst die Gebühr, dann die Trennung.

Der Import selbst läuft auch nicht rund. White hatte über 20.000 Abonnenten, und jedes Bezahlabo landete in einer einzigen Stufe, egal was vorher gezahlt wurde. Sie musste ein Skript schreiben, um die Leute wieder richtig einzusortieren, ohne jemandem etwas neu abzubuchen. Abos in anderen Währungen gingen von Hand. Mehrere Wochen Arbeit, kein Nachmittag.

Adressen

Das hier entscheidet aus meiner Sicht, ob alles davor überhaupt etwas wert ist.

Wenn ihr auf eurname.substack.com veröffentlicht, zeigt jeder Link, den ihr je geteilt habt, jedes Google-Ergebnis und jede Erwähnung in fremden Texten auf einen Hostnamen, der Substack gehört.

Die Worte könnt ihr exportieren. Die Adressen nicht, und weiterleiten könnt ihr sie auch nicht. Das Archiv zieht mit um, der Verkehr bleibt zurück.

Ein kleiner Trost steckt im Export. Jede HTML-Datei trägt die Post-ID und den Slug im Namen, und dieser Slug ist derselbe wie in der echten Adresse. Substack kürzt lange Titel, und genau die gekürzte Fassung steht später in der Adresszeile. Ihr könnt aus dem Ordner also die vollständige Liste eurer eigenen Adressen rekonstruieren.

Was nur dann etwas bringt, wenn euch der Teil davor gehört.

Eine eigene Domain dreht das um. Einmalig 50 Dollar pro Publikation, dazu die Jahresrechnung bei eurem Anbieter, dann zeigt ein CNAME-Eintrag auf Substack. Meine Publikation liegt auf letters.byburk.net, und burk.substack.com leitet bis heute dorthin weiter. Nichts, was ich vorher geteilt hatte, ist beim Wechsel kaputtgegangen.

Der Sinn der eigenen Domain ist, dass ein Umzug zu einer DNS-Änderung wird statt zu einem Neuanfang.

Ihr behaltet die Domain, die Adressen brechen nicht weg, und ihr behaltet den Verkehr und die Autorität, die ihr euch über Jahre erarbeitet habt.

Ganz umsonst ist es trotzdem nicht. Substack legt Beiträge unter /p/slug ab, die meisten anderen Systeme tun das nicht. Ihr braucht auf der neuen Seite also eine Weiterleitungsregel, die das alte Muster abfängt. Ghost dokumentiert dafür einen regulären Ausdruck. White brauchte darüber hinaus eigene nginx-Regeln und ein Skript, das die internen Links zwischen ihren Beiträgen repariert. Bei solchen Regeln hilft heute jede halbwegs brauchbare KI weiter.

Und es bleibt allemal besser, als zuzusehen, wie jeder Link, den ihr je gesetzt habt, ins Leere läuft.

Was es kostet

Die Domain kostet Geld. Einmal 50 Dollar an Substack, dazu die Jahresgebühr bei eurem Anbieter. Wenig, aber nicht nichts.

Der Umstieg auf eine eigene Domain heißt außerdem, dass Google neu lernen muss, wo ihr wohnt. Die Rankings können eine Weile absacken, bevor sie zurückkommen. Aus meiner Sicht lohnt sich das, aber in den ersten Monaten kann es wehtun.

Und der Export bleibt Handarbeit. Kein Zeitplan, kein Webhook, nichts, was von allein läuft. Wer ein Jahr nicht daran denkt, hat eine ein Jahr alte Sicherung. Ich habe mir dafür einiges am Substack-Workflow automatisiert, aber ausgerechnet der Export lässt sich offiziell nicht ansteuern.

Nichts davon macht einen Umzug leicht. Es macht ihn möglich. Das ist der Unterschied, auf den es ankommt, denn wissen kann man es vorher nie.

Unterm Strich

Exportiert eure Beiträge alle paar Monate, falls ihr sie nicht ohnehin lokal habt. Holt euch die Abonnentenliste öfter als das. Legt beides irgendwohin, wo es nicht auf einer einzigen Festplatte liegt. Und lasst die Adresse euch gehören.

Das ist eine echte Sicherung eures Substack.

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