Der Medium-Export gibt alles zurück, außer euren Lesern

Burk Von Burk
Drei gestapelte Karten mit einem Pfeil nach unten darüber, daneben ein nur gestrichelt umrandeter Briefumschlag
Eigene Grafik

Ich habe heute Morgen auf Mediums Export-Knopf gedrückt. 32 Megabyte, 4.030 Dateien, fünfeinhalb Jahre Schreiben.

Danach habe ich den Ordner aufgemacht und nachgesehen, was da eigentlich drin ist.

Die Texte kommen sauberer heraus als beim Substack-Export. Der Rest ist eine andere Geschichte.

Der Export

Einstellungen, dann „Security and apps", dann „Download your information". Ihr bekommt eine Mail mit einem Link, bei mir kam sie nach ein paar Minuten.

Im ZIP liegt eine README, die 16 Ordner auflistet: blocks, bookmarks, claps, highlights, interests, ips, lists, notes, posts, profile, pubs-following, reposts, sessions, topics-following, twitter, users-following.

Einer davon ist eure Arbeit. posts macht 28 der 32 Megabyte aus.

Und 4.030 Dateien sind nicht 4.030 Artikel. Jeder Kommentar, den ihr je unter einem fremden Text hinterlassen habt, ist dort eine eigene HTML-Datei. Die kleinste in meinem Ordner ist zwei Kilobyte groß und besteht vollständig aus :-)

Was Medium besser macht als Substack: Jede Datei ist eine fertige Seite. Titel im Head, Untertitel, Autor, Veröffentlichungsdatum und der Canonical-Link im Fuß. Substack liefert nackte Textkörper ohne einen einzigen Titel, die ihr erst über eine CSV zusammenführen müsst, bevor ihr überhaupt wisst, was ihr vor euch habt. Hier klickt ihr doppelt und lest einen Artikel.

Bilder

1.559 Bild-Tags in meinem posts-Ordner. Null Bilddateien im gesamten Export.

Dasselbe Problem wie bei Substack. Alle Verweise zeigen auf cdn-images-1.medium.com. Auf eurem Rechner sieht deshalb jede Seite vollständig aus, und das bleibt auch so, bis das Konto weg ist.

Medium legt allerdings noch etwas drauf. Die Links zeigen nicht auf eure Originale. 1.103 von meinen gehen auf /max/800/, weitere 421 auf /max/1200/, drei haben es auf 2560 geschafft. Selbst wer jedes Bild von Hand herunterlädt, bekommt also die kleingerechnete Fassung für den Feed. Nicht die Datei, die er hochgeladen hat.

Die Sicherung passiert damit vor dem Veröffentlichen, nicht danach. Text lokal schreiben, Bilder danebenlegen, dann bei Medium einfügen. Bei mir liegt alles zuerst in meiner eigenen App, mit einer Kopie in der Cloud.

Wer das bisher nicht gemacht hat, kann sich die Bilder holen, solange das Konto lebt: ein Skript, das den Export durchgeht, den CDN-Links folgt und die Dateien herunterlädt. Ein paar davon gibt es fertig. Selbst benutzt habe ich sie nicht.

Eure Liste

Hier entscheidet sich, ob alles davor überhaupt etwas wert ist. Und ausgerechnet das liegt nicht im Export. Die Mailadressen eurer Abonnenten sind ein eigener Download auf der Audience-Seite.

Was Medium euch direkt über dem Bestätigen-Knopf mitteilt: Ihr könnt nur die Adressen von Leuten exportieren, die sich vor April 2025 angemeldet haben, plus die, die ihr selbst importiert habt. Besteht eure Liste ausschließlich aus Anmeldungen nach April 2025, ist der Export leer.

Wer also seit April 2025 auf eurem Profil „notify me by email" geklickt hat, ist eine Zahl in eurer Statistik. Mehr nicht. Erreichen könnt ihr diese Leute nur auf Medium.

Ich habe meine Liste gezogen, um zu sehen, wie das aussieht. Ein paar tausend Adressen. Follower habe ich über 21.000.

Eure Texte kommen also mit. Eure neueren Leser nicht.

Holt euch die alte Hälfte trotzdem. Sie wird nur älter, und die Leute darauf haben sich angemeldet, weil ihnen etwas von euch gefallen hat.

Geld

Der Ordner partner-program ist der interessanteste im ganzen ZIP. Elf Seiten, 994 Beiträge, hinter jedem ein Dollarbetrag. Die Lebenszeit-Einnahmen pro Artikel, als Datei, auf meiner eigenen Festplatte.

So etwas hat Substack nicht.

Es ist auch eine demütigende Lektüre. Bei einer ganzen Reihe steht schlicht null.

Die Abrechnungsseite ist dafür entspannter als bei Substack. Medium zahlt auf euer Stripe-Konto aus, statt darauf zu sitzen. Es gibt also keine Gebühr, die ihr beim Weggang mühsam entfernen lassen müsst, und keine Support-Mail, die ihr schreiben müsst. Ihr geht, die Auszahlungen hören auf, fertig.

Was nicht im ZIP liegt, sind die Steuerunterlagen. Das Formular 1042-S, die US-Bescheinigung über eure Einnahmen und die einbehaltene Quellensteuer, kommt einmal im Jahr per Mail. Wer die Einnahmen hier in Deutschland angibt, sollte die Sammlung vollständig haben, und zwar bevor das Konto irgendwann nicht mehr existiert. Ladet sie herunter und legt sie zu den anderen Belegen.

Was Medium über euch weiß

Substacks Export besteht überwiegend aus Tracking-Daten über die Leser. 61 meiner 73 Megabyte dort waren Mail-Öffnungen samt Stadt, Gerät und User-Agent.

Bei Medium ist es genau andersherum. Getrackt werde ich.

ips.html ist eine Liste jeder IP-Adresse, von der aus mein Konto gesehen wurde, mit Zeitstempeln, 30 Tage zurück. 140 Zeilen. Medium schreibt in der Datei selbst dazu, dass ältere Einträge gelöscht werden. Dazu kommen 75 Sitzungen, 7.858 Beiträge, für die ich geklatscht habe, 340 Markierungen, 109 Lesezeichen, 295 X-Kontakte, die auch auf Medium sind, und die sieben Leute, die ich blockiert habe.

Gefährlich ist daran nichts, es sind eure eigenen Daten. Nur gehört so ein Ordner trotzdem nicht in eine geteilte Cloud, wo er dann jahrelang liegen bleibt. Bei Substack ist das schärfer, weil dort fremde Mailadressen und Standorte drinstehen, aber die Regel ist dieselbe: Wer die Daten hat, muss sie auch schützen.

Ebenfalls nicht dabei: Aufrufe, Leseraten, Followerzahlen. Statistiken gibt es nur im Dashboard.

Adressen

Jede Medium-URL endet auf eine Hex-ID, so ein Anhängsel wie -47b926474ce7. Diese ID steht in jedem Dateinamen des Exports, und der Canonical-Link steht in jedem Fuß. Ihr könnt euch die vollständige Liste eurer eigenen Adressen also in etwa einer Minute aus dem Ordner bauen.

Etwas wert ist sie nur, wenn der Teil vor dem Slug euch gehört.

Eine eigene Domain ist bei Medium möglich, solange ihr eine Mitgliedschaft habt. Ihr richtet in den Einstellungen eine Domain ein, die euch gehört, und die alten medium.com-Links leiten darauf um. Meine Texte liegen unter stories.byburk.net, und aus genau diesem Grund verbinde ich eine Domain mit allem, was das zulässt.

Wenn ich von Medium weg will, kann ich das. Ich muss dafür nur einiges tun.

Vor allem die Weiterleitungen. Die Hex-ID am Ende bedeutet für WordPress, Ghost oder sonst irgendein System gar nichts. Ein Umzug heißt deshalb: eine Regel schreiben, die das alte Muster abfängt und auf die neue Adresse abbildet.

Lästig mit eigener Domain, aber machbar. Ohne eigene Domain ist es unmöglich.

Was dagegen spricht

Die Domain setzt eine bezahlte Mitgliedschaft voraus. Wer im Partner-Programm schreibt, hat die ohnehin, aber es bleibt ein Abo, von dem jetzt eure eigenen Adressen abhängen.

Der Export ist ein Knopf, den ihr von Hand drückt. Keine Schnittstelle, kein Zeitplan, nichts, was nachts von allein läuft. Genau wie bei Substack, wo ich mir einiges automatisiert habe, nur den Export eben nicht.

Und keine Sicherung der Welt repariert die Liste. Ihr könnt jedes Wort retten, das ihr geschrieben habt, und habt trotzdem keine Möglichkeit, euren Lesern zu sagen, wohin ihr gegangen seid. Das ist der größte Nachteil, und ein deutlicher Punkt für Substack. Bis die es genauso machen.

Unterm Strich

Exportiert alle paar Monate. Zieht die alte Abonnentenliste jetzt und nicht irgendwann. Sichert eure Bilder vor dem Veröffentlichen statt danach. Hebt die Steuerbelege auf. Und stellt eure eigene Domain vor das Ganze.

Medium gibt mehr zurück, als ich erwartet hatte. Nur eben nicht die Leser.

Teilen
Als Nächstes Der Substack-Export ist kein Backup
Alle Artikel im Archiv