Im April 2026 hat die Document Foundation, die gemeinnützige Stiftung hinter LibreOffice, mehr als dreißig Mitarbeiter der britischen Firma Collabora aus den eigenen Gremien geworfen. Kein Sicherheitsvorfall, kein Codefehler. Ein Streit ums Geld, ausgetragen mitten im Aushängeschild der europäischen Open-Source-Bewegung.
Auslöser war die Ankündigung der Foundation, das seit 2022 brachliegende Projekt LibreOffice Online wiederzubeleben, direkt neben Collaboras eigenem kommerziellem Ableger Collabora Online. Wer die eigene Software nicht mehr exklusiv verkaufen kann, verliert Kundschaft. Neue „Community Bylaws" vom Januar 2026 schließen seither jeden von Entscheidungen aus, dessen Arbeitgeber im Rechtsstreit mit der Stiftung steht, ein Kriterium, das fast das komplette Collabora-Team trifft. Laut eigenen Angaben der Foundation ging es dabei um zwei gescheiterte Finanzprüfungen wegen Interessenkonflikten bei Ausschreibungen und Markenrechten.
Fast die Hälfte kam von einer einzigen Firma
Wie eng verzahnt Stiftung und Unternehmen tatsächlich sind, zeigen die Git-Daten der letzten zwölf Monate, die die Foundation selbst veröffentlicht hat: Acht eigene Entwickler lieferten 37 Prozent aller Patches. 47 Collabora-Angestellte lieferten 43 Prozent, mehr als die Foundation selbst. Der Rest verteilt sich auf 221 Freiwillige, zusammen 17 Prozent. Unter den zwanzig aktivsten Beitragenden sitzen elf von Collabora.
Das ist die unbequeme Wahrheit hinter vielen Erfolgsgeschichten der europäischen Software-Souveränität: „Open Source" heißt nicht, dass der Code sich von selbst schreibt. Er wird von jemandem bezahlt, meistens von einer Firma, die damit auch Geld verdienen will. LibreOffice läuft inzwischen an Hunderttausenden europäischen Behörden- und Schulrechnern, finanziert wird die Weiterentwicklung trotzdem größtenteils kommerziell, nicht ehrenamtlich.
Wer Microsofts Rechnung übernimmt
Genau diese Frage stellt sich gerade auf der ganzen Linie, seit Deutschland, Frankreich, Dänemark und andere EU-Länder Microsoft Schritt für Schritt den Rücken kehren. Wenn niemand mehr Lizenzgebühren nach Redmond überweist, wohin fließt das Geld stattdessen?
Ein Teil geht an das Zentrum für Digitale Souveränität, ZenDiS, das Bundesbehörden-Suite OpenDesk baut. 2024 bewilligte der Bund dafür rund 19 Millionen Euro, bei nur neun festen Mitarbeitenden. Eine feste Grundfinanzierung über 2024 hinaus gibt es bislang nicht, ZenDiS soll sich zunehmend über Aufträge seiner Gesellschafter selbst tragen. Im April 2026 startete deshalb ein eigener Strategieprozess, um eine tragfähige Finanzierung für die nächsten Jahre zu finden, während das Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung OpenDesk parallel an über achtzig Arbeitsplätzen testet. Wer glaubt, ein Ausstieg aus Microsoft koste am Ende nichts, verwechselt Lizenzgebühren mit Kosten insgesamt.
Der Staat bezahlt jetzt direkt für Code
Noch direkter zeigt sich die neue Rechnung beim Sovereign Tech Fund, einer Agentur des Bundeswirtschaftsministeriums. Statt Software bei einem Konzern zu kaufen, überweist der Bund seit 2022 Geld an einzelne Open-Source-Projekte, die halb Europa ohnehin täglich benutzt, nur nie jemand dafür bezahlt hat. KDE bekam gut 1,3 Millionen Euro, das Verschlüsselungsprojekt Rustls ähnlich viel, der Python Package Index gut eine Million, dazu Mittel für GNOME, FFmpeg, OpenSSH, WireGuard und systemd. Über vierzig Projekte wurden bislang gefördert, mit einem Budget, das zwischen 13 und gut 20 Millionen Euro jährlich schwankt, abhängig davon, wie viel Haushaltsstreit die jeweilige Bundesregierung gerade führt.
Das ist eine bemerkenswerte Umkehrung. Jahrzehntelang hat die Infrastruktur des halben Internets von unbezahlter Freizeitarbeit einzelner Entwickler gelebt, während Konzerne wie Microsoft daran verdienten, ohne dafür zu zahlen. Jetzt übernimmt der deutsche Staat einen Teil dieser Rechnung direkt, in der Hoffnung, dass kritische Software nicht an der Erschöpfung einzelner Maintainer zerbricht. Wie unzuverlässig die Alternative rechtlich sein kann, wenn US-Konzernrecht über EU-Daten entscheidet, habe ich an anderer Stelle beschrieben.
Beschaffung wird zur Standardfrage, nicht mehr zur Ausnahme
Was bislang eher Symbolpolitik war, wird jetzt auch juristisch verankert. Im März 2026 hat der IT-Planungsrat auf Vorschlag des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung die zentralen Vertragsmuster für IT-Beschaffung, die EVB-IT, grundlegend überarbeitet. In acht von elf Vertragstypen gilt jetzt: Bei Softwareentwicklung ist die quelloffene Variante der Regelfall, wer proprietäre Software will, muss das begründen, nicht umgekehrt. Zehn Jahre lang lief diese Logik genau andersherum. Das Zieljahr für die vollständige Umstellung der Verwaltung liegt bei 2028, ambitioniert für einen Sektor, der für seine Geschwindigkeit nicht bekannt ist.
Von dieser Umkehr profitieren am Ende Firmen wie SUSE aus Nürnberg, seit 2023 nicht mehr börsennotiert und im Besitz der schwedischen Beteiligungsgesellschaft EQT, oder das britische Collabora selbst, mit dem der Ärger begann. Ihr Geschäftsmodell ist nicht der Verkauf von Lizenzen, sondern von Wartung, Support und Anpassung, bezahlt von genau den Behörden, die früher an Microsoft überwiesen haben. Das Geld verschwindet nicht. Es fließt nur an andere Adressen, europäische meistens, aber eben auch an Firmen, die ihre eigenen Interessen verfolgen, wie der Streit bei LibreOffice gerade schmerzhaft vorführt.
Souveränität ist kein Nullsummenspiel
Europas Abschied von Microsoft wird gern als Befreiung erzählt, von Lizenzgebühren, von fremdem Recht, von einem einzelnen Konzern. Das stimmt auch. Nur ersetzt die Geschichte damit nicht die Wirtschaft durch Ehrenamt, sie tauscht einen Zahlungsempfänger gegen ein Dutzend andere. Steuergeld an Maintainer, Behördenbudgets an Support-Firmen, ein feiner Interessenausgleich zwischen Stiftungen und den Unternehmen, die ihre Entwickler bezahlen. Was das für Europas digitale Unabhängigkeit insgesamt bedeutet, habe ich drüben bei burkhardrosemann.de eingeordnet.
Der Streit bei LibreOffice ist deshalb kein Ausrutscher am Rand der Bewegung. Er ist ihr bislang deutlichstes Symptom: Sobald echtes Geld im Spiel ist, verhält sich auch Open Source wie jede andere Branche. Nur mit einem Unterschied, der zählt. Die Rechnung geht an europäische Adressen, unter europäischem Recht, nachvollziehbar in öffentlichen Haushalten. Bei Microsoft wusste bis vor Kurzem nicht einmal der eigene Justiziar unter Eid zu sagen, wohin die Daten am Ende gehen.

