Ich wohne in Schleswig-Holstein.
Als die Landesregierung ankündigte, 30.000 Arbeitsplätze von Windows, Outlook und Microsoft Office wegzubewegen, habe ich also genauer hingesehen als sonst. Ich will, dass das gelingt. Die Gründe tragen, die Richtung stimmt, und über den Aufbruch bei uns und in Dänemark habe ich mit einiger Begeisterung geschrieben.
Aber Deutschland hat das alles schon einmal probiert. Und beim letzten Mal endete es böse.
München hat es schon einmal versucht
Von 2004 bis 2017 lief in München eine der ambitioniertesten Open-Source-Migrationen, die eine Verwaltung je gewagt hat. LiMux hieß das Projekt. Rund 15.000 Rechner der Stadt liefen am Ende auf Linux und OpenOffice, später LibreOffice.
2017 beschloss der Stadtrat die Rolle rückwärts. Bis 2020 war München zurück bei Microsoft, allein die neue Windows-Infrastruktur kostete nach damaligen Berichten rund 50 Millionen Euro.
Die Gründe waren verwickelt. Eine zersplitterte Software-Landschaft. Kompatibilitätsärger mit Behörden, die weiter auf Windows saßen. Eine IT-Abteilung am Limit. Ein Oberbürgermeister, der aus seiner Vorliebe für Microsoft nie ein Geheimnis machte, während der Konzern seine Deutschlandzentrale nach München verlegte. Und ein politischer Wille, der verflog, sobald die Schlagzeilen verflogen waren.
LiMux ist nicht an der Technik gescheitert. Es ist als Projekt einer Institution gescheitert.
Dieser Unterschied zählt. Denn Schleswig-Holstein ist auch ein Projekt einer Institution.
Die Kompatibilität bleibt das Alltagsproblem
Eine Sachbearbeiterin in Kiel schickt jeden Tag Dokumente an Kollegen in anderen Bundesländern, an Bundesbehörden, an Firmen, an Bürger. Die meisten davon arbeiten mit Microsoft Office.
LibreOffice liest und schreibt .docx und .xlsx, und meistens klappt das. Aber „meistens" heißt: eine leise, dauerhafte Reibung, die sich über tausende Dokumente am Tag aufsummiert. Tabellen, die minimal anders umbrechen. Schriften, die fehlen. Änderungsverfolgung, die den Weg hin und zurück nicht übersteht.
Einzeln ist nichts davon ein Beinbruch. In einer Organisation mit 30.000 Beschäftigten wird daraus ein Support-Berg. Das Land benennt das selbst erstaunlich offen: Rund 20 Prozent der Arbeitsplätze hängen noch an Fachverfahren, die ohne Microsoft-Schnittstellen nicht auskommen.
Umschulen kostet Geld und Geduld
LibreOffice sieht anders aus als Microsoft Office und bedient sich anders. Nicht dramatisch anders. Aber genug.
Ein Mensch, der seit 1997 mit Word arbeitet, muss die vertrauten Handgriffe neu lernen. Das kostet Zeit und Schulungsbudget. Und es kostet Wohlwollen, denn das Neue fühlt sich anfangs langsamer an als das Vertraute, selbst wenn das nur eine Weile so bleibt.
Multipliziert das mit 30.000, und ihr habt ein Change-Management-Projekt, gestapelt auf ein Migrationsprojekt, gestapelt auf ein geopolitisches Statement.
Das sind viele tragende Teile für ein einziges Vorhaben.
Wahlperioden sind kürzer als Migrationen
Software-Migrationen dieser Größe dauern Jahre. Politische Koalitionen halten bis zur nächsten Wahl. In Schleswig-Holstein wird 2027 wieder gewählt.
Verliert die Regierung, die den Umstieg angestoßen hat, vor dem Projektende die Mehrheit, steht die nächste vor einer einfachen Rechnung: eine unfertige, hakelige Migration zu Ende führen, die die Idee des Vorgängers war. Oder sie zum Fehlschlag erklären und zu dem zurückkehren, das alle kennen.
München hat sich für die zweite Option entschieden.
Microsoft schläft nicht
Der Konzern baut inzwischen „souveräne" Cloud-Angebote für europäische Verwaltungen. Rechenzentren in Europa mit europäischem Personal, dazu das Versprechen der Datenunabhängigkeit. Das ist die direkte Antwort auf das CLOUD-Act-Problem, und es ist gutes Marketing.
Gelöst ist damit nichts. Ein amerikanisches Unternehmen bleibt amerikanischem Recht unterworfen, egal wo seine Server stehen. Vor dem französischen Senat hat Microsofts Frankreich-Justiziar Anton Carniaux das im Juni 2025 unter Eid bestätigt: Nein, er könne nicht garantieren, dass Daten französischer Bürger nie ohne Zustimmung Frankreichs an US-Behörden gehen.
Trotzdem erfüllen die Angebote ihren Zweck. Sie geben allen Zögernden einen Grund zu sagen: Haben wir geregelt. Und zu bleiben.
Diesmal ist mehr im Spiel
Bei alledem: München war eine Stadt, allein. Schleswig-Holstein ist Teil einer breiteren Bewegung, zusammen mit Frankreich, den Niederlanden, Dänemark und Initiativen auf Bundesebene. Der Internationale Strafgerichtshof tauschte im Herbst 2025 Microsoft 365 gegen openDesk, die Verwaltungssuite des deutschen Zentrums für Digitale Souveränität. Vorausgegangen war die Sperrung des Microsoft-Kontos seines Chefanklägers nach US-Sanktionen, über dieses Muster habe ich an anderer Stelle geschrieben. Der CLOUD Act ist keine abstrakte Sorge mehr, er hat inzwischen Sitzungsprotokolle.
Auch die Werkzeuge sind besser geworden. LibreOffice 2026 ist nicht OpenOffice 2004, OnlyOffice existiert, openDesk existiert, an den Schulen läuft eine eigene Bewegung. Und Schleswig-Holstein liefert messbar: Ende 2025 waren fast 80 Prozent der Arbeitsplätze auf LibreOffice umgestellt, über 40.000 Postfächer zu Open-Xchange und Thunderbird migriert, und das Land rechnet mit mehr als 15 Millionen Euro gesparter Lizenzkosten.
Das kann funktionieren. Die Bedingungen sind günstiger, als München sie je hatte. Nur: Die Hürden, an denen München gescheitert ist, stehen alle noch. Kompatibilität, Umschulung, Wahlzyklen. Das sind strukturelle Probleme, keine Software-Bugs.
Die Richtung stimmt, mehr noch nicht
Ich will, dass Deutschland das durchzieht. Ich halte die Gründe für richtig und den Schritt für überfällig.
Aber „die Richtung stimmt" ist etwas anderes als „das wird gelingen". München hat vorgeführt, wie eine gute Idee, schleppend umgesetzt, in einer Institution mit endlicher Geduld zur warnenden Geschichte wird. Zu einer, die den nächsten Anlauf schwerer macht statt leichter.
Schleswig-Holstein kennt die Geschichte aus München. Offen ist nur, ob Kennen reicht.

