Zorin OS ist das Linux für alle anderen

Burk Von Burk
Zorin OS ist das Linux für alle anderen

Die meisten Menschen denken erst über Linux nach, wenn etwas sie dazu zwingt. Ich schließe mich da ein.

Ein Windows-Laptop, der zur lüftergetriebenen Heizung geworden ist. Ein Mac, den Apple zur „Vintage"-Ware erklärt hat. Eine Abo-Verlängerung, die zu teuer geworden ist, um sie noch zu rechtfertigen.

Und dann stößt man bei der Recherche sofort auf Begriffe wie „Paketmanager", „Kernel", „Partitionen einhängen" und schließt den Tab. Für immer. Genau für diesen Moment ist Zorin OS gebaut.

Älter als die meisten Distributionen

Zorin OS erschien erstmals 2008. Im selben Jahr startete der App Store, es gab noch kein Spotify in den USA und kein Instagram.

Gegründet haben es zwei Brüder, Artyom und Kyrill Zorin, damals Teenager, von Irland aus. Sie wollten Linux für Leute zugänglich machen, die noch nie damit gearbeitet hatten. An dieser Mission hat sich nichts geändert.

Es ist ein europäisches Projekt. Gebaut in Irland, im Einsatz bei europäischen Behörden, ohne Silicon-Valley-Geld und ohne Wagniskapital-Fäden im Rücken. Für alle, die den langsamen und überfälligen Kurs Europas in Richtung digitaler Souveränität verfolgen, ist das ein relevantes Detail. Die Software auf den Rechnern eines Rathauses sollte nicht der US-Exportpolitik oder einer Cloud-Gesetzgebung unterliegen, bei der Europa nicht mitreden kann.

Achtzehn Jahre später wird Zorin OS weiterentwickelt. Version 18 kam im Oktober 2025, seit April 2026 gibt es Version 18.1. Es baut auf Ubuntu LTS auf und erbt damit eines der stabilsten und am besten dokumentierten Fundamente der Linux-Welt. Das zählt, denn der Friedhof gescheiterter Distributionen ist voll mit Projekten, die kurz vielversprechend aussahen und dann verstummten. Zorin OS ist nie verstummt.

Gebaut für einen einzigen Moment

Zorin OS richtet sich an Windows- und Mac-Nutzer, die raus wollen. Beim ersten Start stellt es eine einzige Frage: Welches Layout hätten Sie gern?

Eins, das aussieht wie Windows 11. Eins wie Windows 7, für alle, die das alte Startmenü mochten. Oder eins wie macOS, mit Dock unten und Menüleiste oben. Das ist eine bewusste Entscheidung. Euer Muskelgedächtnis weiß bereits, wo es hinschauen muss, und Zorin OS arbeitet damit, statt dagegen.

Der App-Store ist aufgeräumt. Software installieren geht ohne Terminal, außer ihr wollt es so. Updates laufen wie bei Windows oder macOS: ein Klick, fertig. PC World nannte Zorin OS „eine herausragende Wahl für ehemalige Windows-Nutzer", ZDNET schrieb, das Team habe „ein großartiges Linux-Desktop-System genommen und noch besser gemacht". Das sind keine Linux-Fan-Blogs, sondern Tech-Medien für ein breites Publikum.

Zwei Millionen Downloads, drei von vier von Windows

Zorin OS 18 knackte binnen drei Monaten die zwei Millionen Downloads, bis April 2026 waren es 3,3 Millionen. Über 75 Prozent davon kamen von Windows-Nutzern.

Keine Linux-neugierigen Bastler, die schon drei Distributionen parallel laufen haben. Windows-Nutzer, die vorher nie Linux angefasst hatten und sich Zorin OS als Erstes aussuchten. Der Zeitpunkt passt: Der Support für Windows 10 endete im Oktober 2025, und viele ältere Rechner lässt Windows 11 gar nicht erst zu. Ich habe ja an anderer Stelle beschrieben, warum Windows für mich nur noch das viertbeste Betriebssystem ist. Zorin fängt genau die Leute auf, die daraus die Konsequenz ziehen.

Rathäuser und Schulen laufen darauf

Die italienische Stadt Vicenza stellte ihre Verwaltungsrechner auf Zorin OS um, rund 700 Arbeitsplätze. Schulen setzen es ein, ebenso öffentliche Einrichtungen quer durch Europa, die Windows-Lizenzkosten senken und die Abhängigkeit von US-Softwareanbietern verringern wollen.

Consumer-Distributionen kommen und gehen. Wenn aber eine Stadtverwaltung ihre Infrastruktur auf ein Stück Software setzt, spricht das für Stabilität, Langzeit-Support und Treiber-Kompatibilität. Deutschland und Dänemark treiben Ähnliches auf staatlicher Ebene voran und werfen Microsoft aus ganzen Behörden. In diese Geschichte würde Zorin OS gut passen. Für IT-Abteilungen, die Dutzende oder Hunderte Maschinen verwalten, bietet das Team mit Zorin Grid ein eigenes Flottenwerkzeug an.

Drei Editionen, eine kostet

Zorin OS gibt es in drei Ausführungen. Core ist kostenlos und enthält die solide Software-Bibliothek, den Layout-Wechsler und alles, was die meisten je brauchen. Das ist der richtige Startpunkt, und für viele der einzige.

Pro kostet einmalig rund 48 Euro (Stand: Juli 2026). Dafür gibt es zusätzliche Layouts, mehr vorinstallierte Kreativ- und Büro-Apps und bevorzugten Support. Nötig ist das selten, aber es ist eine einmalige Zahlung für eine dauerhafte Lizenz und eine Möglichkeit, das Projekt zu unterstützen. Lite ist wieder kostenlos und für alte Hardware gedacht: Wer einen Laptop von 2012 wiederbeleben will, den Windows 11 nicht mehr anfasst, greift zu Lite. Es läuft auf dem schlanken XFCE und ist selbst auf bescheidener Hardware flott. Für den grundsätzlichen Weg dorthin habe ich aufgeschrieben, wie Linux einen alten Mac rettet, den Apple aufgegeben hat.

Version 18 lässt sich außerdem direkt aus Version 17 aktualisieren, ohne Neuinstallation. Dateien, Programme und Einstellungen bleiben erhalten. Das ist bei Linux-Distributionen nicht selbstverständlich.

Die Grenzen

Es ist nicht perfekt, nichts ist das. Die Release-Zyklen sind langsamer, weil Zorin OS den LTS-Versionen von Ubuntu folgt. Große Versionen erscheinen nur alle paar Jahre, und auf ein Feature, das andere Distributionen schon haben, wartet ihr hier vielleicht anderthalb Jahre. Das ist zugleich der Preis für die Stabilität: Updates zerschießen selten etwas.

Die Hardware kann euch trotzdem einen Strich durch die Rechnung machen. WLAN-Chips mancher Hersteller, Broadcom vor allem, brauchen proprietäre Treiber, die sich nicht von selbst installieren. Bei richtig alter oder exotischer Hardware lohnt vorab ein Blick ins Zorin-Forum. Und Gaming hat sich dank Valves Proton-Schicht auf Linux stark verbessert, aber für eine große Bibliothek an Windows-Spielen fahrt ihr auf einer Distribution mit aktiver Spiele-Community besser.

Manche Software gibt es auf Linux schlicht nicht. Adobe Creative Cloud, das echte Microsoft Office (nicht die Web-Version), Final Cut Pro. Sind das tragende Werkzeuge in eurem Alltag, löst Zorin OS dieses Problem nicht. Das kann keine Linux-Distribution, es sei denn, ihr seid offen für Alternativen, von denen es reichlich gibt.

Für die meisten die richtige Wahl

Zorin OS ist nicht die mächtigste Linux-Distribution, nicht die hübscheste und nicht die beste. Aber es ist die, die ein halbes Jahr nach der Installation am wahrscheinlichsten noch läuft, ohne dass ihr aufgegeben oder etwas zerschossen habt.

Für die meisten, die von Windows oder macOS kommen, ist es der passende Ersatz. Achtzehn Jahre Entwicklung, echte Einsätze in öffentlichen Verwaltungen, eine kostenlose Core-Version, die alles kann, und ein Layout, das vom ersten Start an vertraut aussieht. Wer bisher neugierig auf Linux war, aber jeder Versuch mit einem schwarzen Bildschirm oder einer kryptischen Fehlermeldung endete, fängt hier an.

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