Nicht Antigravity.
Ich korrigiere mich. In einem früheren Text habe ich Antigravity als „Claude Code und Cowork in einem, nur schneller" beschrieben. Das stimmt nicht ganz, und die Verwechslung ist nicht nur meine.
Wer sucht, was Google als Pendant zu Claude Cowork anbietet, stößt in fast jedem Vergleich auf Antigravity. Die zwei Tools werden ständig nebeneinandergestellt. Aber sie richten sich an grundverschiedene Leute, und wenn man sich ansieht, wofür sie gebaut wurden, liegt die richtige Antwort woanders.
Cowork ist kein Coding-Agent
Claude Cowork startete Ende Januar 2026 als Research Preview. Seit dem 7. Juli läuft es auf Mobilgeräten und im Browser, Sessions laufen standardmäßig in der Cloud. Laptopklappe zu, die Arbeit geht trotzdem weiter.
Unter der Haube arbeitet Cowork in einer abgeschotteten Linux-VM, betrieben von Opus 4.6. Bevor es einen Auftrag ausführt, bespricht es den Plan mit euch, statt einfach drauflos zu laufen. Über MCP verbindet es sich mit über 50 Tools: Slack, Notion, Jira, HubSpot, Figma, Snowflake.
Ab dem Pro-Plan ($20 im Monat) ist Cowork dabei. Alle bezahlten Stufen bekommen dieselben Funktionen; Max gibt euch mehr Nutzungszeit pro Session. Für Unternehmen gibt es inzwischen eine Enterprise-Variante mit Rollen, Ausgabenlimits und einem Admin-Dashboard.
Anthropic hat Nutzungsdaten aus 1,2 Millionen anonymisierten Cowork-Sessions veröffentlicht, aus über 600.000 Organisationen. Softwareentwicklung machte davon 8,7 Prozent aus.
Über 90 Prozent der Cowork-Sessions haben nichts mit Code zu tun.
Der größte Einzelposten: Geschäftsprozesse mit 33,4 Prozent. Statusberichte, Onboarding-Checklisten, Tabellenabgleiche. Content-Arbeit und Texten: 16,4 Prozent. Anthropic nennt das „the work around the work" — die Aufgaben, die jede Berufsgruppe hat, aber niemandes eigentliche Stellenbeschreibung sind. (Auf Deutsch: die Arbeit rund um die Arbeit.)
Cowork war nie als Konkurrenz zu einem Coding-Agenten gedacht. Das Terminal ist der richtige Ort dafür. Cowork ist für die Menschen gebaut, die nie ein Terminal öffnen.
Antigravity trifft das falsche Publikum
Antigravity erschien im November 2025 zusammen mit Gemini 3. Es ist eine Entwicklungsumgebung, ein VS-Code-Fork, gebaut für Menschen, die Code ausliefern. Der Manager View lässt euch bis zu 16 Agenten parallel steuern. Es gibt ein SDK und eine CLI für eigene Workflows.
Ein Tool für Entwickler. Cowork ist ein Tool für Wissensarbeiter. Die beiden zu vergleichen ist in etwa so, als würde man ein Terminal gegen ein Tabellenkalkulationsprogramm stellen. Wer wissen will, was Google für das Publikum anbietet, das Cowork anspricht, schaut bei Antigravity an der falschen Stelle.
Spark ist Googles Antwort
Auf der Google I/O 2026 im Mai hat Google Spark angekündigt. Es läuft auf Gemini 3.5 und nutzt Antigravitys Agenten-Infrastruktur, richtet sich aber an dieselbe Gruppe Nicht-Entwickler, für die Cowork gebaut ist. Ein dauerhafter, rund um die Uhr laufender Hintergrundagent. Aufgabe übergeben, Gerät aus: Spark arbeitet trotzdem.
Die Integration geht tiefer in Googles eigenes Ökosystem als Cowork das je kann: Gmail, Kalender, Drive, Docs, Sheets, Slides, YouTube, Maps, dazu Tasks, Keep, Canva, Dropbox, Instacart, OpenTable, Zillow, plus eigene MCP-Verbindungen obendrauf. Ende Juni kam eine macOS-Beta, die Dateien sortiert und Tabellen auf dem Desktop aufbaut.
Das ist die Google-Antwort auf Cowork. Gleiches Publikum, gleiche Logik: Aufgabe dalassen, Abstand nehmen.
Neben Spark gibt es noch Google Workspace Studio: den Bausatz für eigene No-Code-Automatisierungen innerhalb von Workspace, ähnlich wie Gemini Gems oder Claude Skills als konfigurierbare Varianten. Weniger fertiger Agent, mehr Konstruktionskasten. Eine dritte Option, je nachdem, wie viel ihr selbst Hand anlegen wollt.
Spark ist vorerst US-exklusiv
Spark ist derzeit Google AI Ultra vorbehalten, nur für Volljährige, ausschließlich in den USA verfügbar. Cowork ist ab dem $20-Pro-Plan für so gut wie alle zugänglich.
Das bedeutet: für uns in Deutschland, Österreich, der Schweiz, für alle außerhalb der USA ist Spark im Moment gesperrt. Wer heute „Gemini-Gegenstück zu Cowork" in eine Suchmaschine tippt, wird Spark finden und vor einem verschlossenen Eingang stehen.
Das Muster ist vertraut. Ich habe das an Anthropics Fable 5 beschrieben: das beste verfügbare Modell, kurz angekündigt, dann für alle ohne US-Zugang gesperrt. Spark folgt derselben Logik. US-Plattformen bauen für den amerikanischen Markt und rollen global aus, wenn die regulatorischen und geschäftlichen Bedingungen passen. Wann das für Spark kommt, steht offen.
Ein ungelöstes Sicherheitsproblem
Innerhalb von 48 Stunden nach dem Launch von Cowork im Januar haben Forscher von PromptArmor es dazu gebracht, Finanzdokumente zu exfiltrieren. Der Angriff: eine Word-Datei mit verstecktem weißen Text auf weißem Hintergrund, der Cowork anwies, Nutzerdateien auf einen Server der Angreifer hochzuladen. Die Sandbox sperrt den meisten ausgehenden Datenverkehr, vertraut aber Aufrufen an Anthropics eigene API. Genau dieses Vertrauen wurde ausgenutzt.
Eine Lösung für Prompt-Injection gibt es bisher für keinen dieser Agenten. Niemand hat das Äquivalent gefunden, das parametrisierte Abfragen für SQL-Injection waren. Wer Cowork oder Spark mit Dateien füttert, die echte Kundendaten oder Finanzdaten enthalten, trägt dieses Risiko.
Aus europäischer Sicht hat das eine zusätzliche Dimension. Wenn ein Agent durch eine Prompt-Injection dazu gebracht wird, personenbezogene Daten abzuführen, ist das unter der DSGVO ein meldepflichtiger Vorfall. Wer Cowork in einem Unternehmen einsetzt, das DSGVO-relevante Daten verarbeitet, sollte das vor dem Rollout bedacht haben. Nicht als Grund, das Tool nicht zu nutzen, sondern als Grund, es nicht gedankenlos auf alle Ordner loszulassen.
Ich arbeite täglich mit Claude Code, für den Bau von Dingen. Cowork habe ich nicht über mehrere Wochen am Stück getestet. Alles hier stützt sich auf das, was Anthropic und Google veröffentlicht haben.
Gemini hat ein Cowork-Gegenstück. Es heißt Spark, nicht Antigravity. Google hat es bisher für ein kleineres Publikum gebaut. Für die meisten von uns außerhalb der USA bleibt es vorerst eine Ankündigung.

