Europa hat ein Abhängigkeitsproblem. Wir wissen das, das Bewusstsein wächst. Ich habe schon ein paarmal darüber geschrieben, auch darüber, was Europa stattdessen aufbauen könnte.
98 Prozent der deutschen Bundesministerien haben Microsoft Edge vorinstalliert. Edge, ausgerechnet. Nicht mal einer der guten Browser. Nur 24 Prozent nutzen eine europäische Suchmaschine. 97 Prozent sind auf Instagram, 77 auf Facebook.
Wir haben also kein Software-Problem. Wir haben ein Organisationsproblem.
Der Weckruf
Wie das Bewusstsein überhaupt wuchs. Karim Khan.
Khan ist Richter am Internationalen Strafgerichtshof. Er ermittelte zu mutmaßlichen Kriegsverbrechen in Gaza. Die Trump-Regierung verhängte Sanktionen gegen ihn. Plötzlich kam er nicht mehr an sein Microsoft-Konto. E-Mails weg, Arbeit lahmgelegt. Einfach so.
Ungefähr zur selben Zeit kündigten die USA „freedom.gov" an, ein VPN, das Europäern gezielt helfen soll, EU-Recht zu umgehen, den Digital Services Act inklusive. Eine verbündete Regierung, die offen dazu ermuntert, das Recht der Verbündeten zu brechen. Ebenfalls in dem Zeitraum: Die US-Förderung für Let's Encrypt und das Tor-Netzwerk wurde gestrichen.
Dann spielte Finnland einen Ernstfall durch. Was passiert, wenn die USA einen Kill-Switch für kritische digitale Dienste umlegen? Das Ergebnis wurde als weitreichend eingestuft. Nicht ermutigend.
Für viele Europäer war das eine sehr konkrete Vorführung, wie Abhängigkeit funktioniert, sobald es ungemütlich wird. Dasselbe Muster habe ich bei der KI aufgeschrieben: Washington hält den Schalter.
Die Zahlen sind hart
Ecosia hat 147 deutsche Ministerien befragt, und die Zahlen tun weh. Der Bundestag betreibt über 10.000 Arbeitsplätze auf Microsoft 365. Die drei Browser-Engines, die weltweit zählen, kommen nicht aus Europa, obwohl Firefox und Chrome quelloffen und damit forkbar wären.
Und selbst wo es europäische Alternativen gibt, laufen sie oft auf amerikanischer Infrastruktur darunter, etwa Suchmaschinen, die ihre Ergebnisse von Google oder Bing beziehen. Abhängigkeit bis ganz nach unten.
Einen EU-Konsens gibt es auch nicht. Die baltischen Staaten, besonders Lettland und Litauen, sehen US-Tech als Schutzschild gegen Russland, nicht als Risiko. In Riga sieht digitale Souveränität anders aus als in Paris. Beide Sichten sind nachvollziehbar. Auch das macht es langsam.
Frankreich zieht durch
Frankreich bewegt sich. Nicht „plant zu bewegen" oder „gibt einen Bericht in Auftrag". Es bewegt sich wirklich.
Französische Beamte dürfen Microsoft Teams und Zoom nicht mehr nutzen. Sie sind auf Visio, einem heimischen Videokonferenz-Tool auf Open-Source-Basis, in Frankreich gehostet, DSGVO-konform. Bis 2027 stellen rund 200.000 Beamte um. Pro 100.000 Nutzer spart das etwa eine Million Euro Lizenzgebühren im Jahr. Das Forschungszentrum CNRS hat seinen Zoom-Vertrag komplett beendet.
So sieht Entschlossenheit aus.
Deutschland tagt
In Deutschland passiert auch etwas. Aber zu wenig.
Der Bundestag hat eine Kommission eingesetzt, die das gesamte digitale Ökosystem prüft. Office, Cloud, alles. Als erster konkreter Schritt kommt Wire, eine europäische Messaging-App und das einzige Chat-Tool, das vom BSI für Verschlusssachen zertifiziert ist.
Schön. Nur taucht „Linux" in der Strategie kein einziges Mal auf, und Abgeordnete müssen weiter Windows-Geräte nutzen. Eine Kommission prüft Software, während alle dieselbe Software weiterbenutzen. Warum dieser Ausstieg leise scheitern könnte, ist damit ziemlich klar.
Einzelne Länder preschen derweil vor. Schleswig-Holstein stellt 30.000 Arbeitsplätze auf Linux und LibreOffice um, dem dänischen Vorbild nach, während der Bund noch tagt.
OpenDesk funktioniert
OpenDesk ist eine quelloffene Alternative zur Online-Version von Microsoft Office, koordiniert von ZenDiS, dem Zentrum für Digitale Souveränität, das der Bund Ende 2022 eigens gegen die Microsoft-Abhängigkeit gegründet hat.
ZenDiS meldete für 2024 rund 8 Millionen Euro Umsatz, Verträge für 160.000 Nutzer. Bis Ende 2026 soll sich das mindestens verdoppeln. Große Anfragen kommen aus Bildung, Universitäten und Katastrophenschutz.
Interessanter noch: OpenDesk läuft im Bundesdigitalministerium mit echten Nutzern an echten Projekten. Keine Testkonten. Das Kanzleramt nutzt Komponenten davon. Der Digitalminister hat es seiner dänischen Amtskollegin empfohlen. Mobile Apps gibt es, einen nativen Mail-Client auch, KI-Integration ist in Arbeit. Das Produkt funktioniert. Die Bürokratie drumherum noch nicht.
Der Konferenzraum
ZenDiS darf die Bundesländer nicht als Gesellschafter aufnehmen. Dafür braucht es eine Satzungsänderung, irgendetwas mit Regeln gegen „Mischverwaltung". Mehrere Länder stehen bereit: Schleswig-Holstein, Thüringen, Bremen, Niedersachsen, Baden-Württemberg. Alle warten. Der Bund hat die Änderung nicht geliefert. Seit dem ersten Tag.
Auch aus der Wirtschaft kommt Interesse. Banken und das Gesundheitswesen wollen sensible Daten von den Hyperscaler-Plattformen herunterholen. Technisch ist man sich mit dem Kunden schnell einig. Es sind die Vertragsverhandlungen und Budgetdebatten, die alles bremsen.
Der Engpass liegt nicht im Rechenzentrum, sondern im Konferenzraum.
Amazons „europäische" Cloud
Die US-Hyperscaler beobachten Europa. Amazon hat die „European Sovereign Cloud" gestartet, vollständig getrennt vom normalen AWS, betrieben nur von Beschäftigten mit Sitz in der EU.
Aber Amazon will EU-Wohnsitz als Kriterium, das BSI will EU-Staatsbürgerschaft. Kleiner Unterschied, große Folgen. Und am Ende gehört die Infrastruktur weiter Amazon. Weiter dem CLOUD Act unterworfen, weiter einer US-Verfügung.
Für die Übergangslösung im Bundestag, bei der Microsoft-Dienste über eine von SAP betriebene Plattform laufen, gibt es schon einen Namen: „Sovereignty Washing". US-Konzern, US-Recht, europäisches Etikett. Keine Souveränität. Umbenennung.
Der Berliner Gipfel
Im November 2025 fand in Berlin der erste europäische Gipfel für digitale Souveränität statt. Macron, Merz, Digitalminister aus 23 Ländern. Großer Saal, wichtige Leute, beeindruckende Charta.
Open-Source-Anbieter wurden behandelt wie Aussteller auf einer Nebenmesse. Die von allen EU-Staaten unterzeichnete Charta stufte Open Source als potenziell unsicher ein und empfahl, es durch „verlässliche proprietäre Technologien" zu ergänzen. ZenDiS, eine Firma, die der Staat selbst gegründet hat, wurde aus dem Programm gestrichen. Kein Vertreter durfte auf die Bühne. Den Open-Source-Pavillon besuchte der Digitalminister nicht.
Die Haken
Die baltischen Staaten haben nicht unrecht. Für Länder an Russlands Grenze lassen sich Tech-Abhängigkeit von den USA und NATO-Schutz nicht leicht trennen. In Vilnius klingt Souveränität anders als in Paris.
Migration ist brutal, organisatorisch. Mitarbeiter umschulen, die seit 20 Jahren Outlook nutzen, Abläufe neu bauen, den Widerstand überstehen. Frankreich kann schnell, weil es zentral regiert ist. Deutschlands Föderalismus macht koordinierten Wandel langsamer und unübersichtlicher.
Und OpenDesk ist gut, aber 160.000 Nutzer sind ein kleiner Anfang. Allein in der deutschen Verwaltung hat Microsoft Millionen.
Es fehlt der Wille
Im vergangenen Jahr zahlte der Bund fast eine halbe Milliarde Euro für Microsoft-Lizenzen. Über drei Jahre ist es mehr als eine Milliarde.
Stellt euch vor, was man mit dem Geld an quelloffener Software hätte bauen können. Und der Unterschied ist: Open Source gehört allen. Es lässt sich nicht per Verfügung abschalten.
Die Technik ist da. Nextcloud ist ausgereift, OpenDesk steht im Kanzleramt, Frankreich hat bewiesen, dass der Wechsel geht. Der Code ist offen, die Werkzeuge sind finanziert, die Alternativen sind gut. Was fehlt, ist die Bereitschaft, ein paar raue Quartale durchzustehen.

