Europas Antwort auf Starlink kommt sieben Jahre zu spät

Burk Von Burk
Europas Antwort auf Starlink kommt sieben Jahre zu spät

Im Herbst 2022 rückte die ukrainische Armee bei Cherson vor, mit Drohnen und Artillerie, die über Starlink koordiniert wurden. Laut einer Reuters-Recherche von 2025 ließ Elon Musk die Abdeckung nahe Beryslav gezielt abschalten, aus Sorge vor einer atomaren Eskalation. Frontsoldaten verloren die Verbindung, die geplante Einkesselung russischer Truppen scheiterte. SpaceX nennt den Bericht falsch, bestätigt hat das Unternehmen nichts.

Wenige Wochen zuvor hatte Musk schon einmal Nein gesagt: Als die Ukraine die Abdeckung bis vor die Küste der Krim ausweiten wollte, um Marinedrohnen gegen die russische Schwarzmeerflotte bei Sewastopol zu steuern, blieb sie aus. Zwei verschiedene Vorfälle, dieselbe Lehre. Ein einzelner Mann entscheidet, wo ein Krieg Internet hat und wo nicht.

Deshalb gibt Europa gerade 10,6 Milliarden Euro für Satelliten aus, die erst 2029 starten.

IRIS² soll das Gegenmodell werden

IRIS² steht für Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security by Satellite. Rund 290 Satelliten, der Großteil in niedriger Erdumlaufbahn, ein kleinerer Teil weiter oben, gebaut vom Konsortium SpaceRISE unter Führung von Eutelsat, Hispasat und SES. Kritisches Design-Review 2028, erste Starts 2029, volle Konstellation ab 2030.

Von den 10,6 Milliarden Euro kommen 6,5 Milliarden aus öffentlicher Hand, EU und ESA zusammen, der Rest von der Industrie. Der Auftrag: gesicherte Regierungs- und Militärkommunikation, Krisenmanagement, dazu etwas kommerzielles Breitband nebenbei. Das Kommerzielle ist die Nebensache. Der Punkt ist, dass keine europäische Regierung mehr auf das Wohlwollen eines einzelnen amerikanischen Unternehmers angewiesen sein soll, wenn es ernst wird. Dasselbe Muster wie bei Microsoft, Windows und Office, nur diesmal im All statt im Rechenzentrum.

Der Rückstand ist real

Starlink hat derzeit mehr als 10.000 aktive Satelliten im Orbit, über 10 Millionen zahlende Kunden in 160 Ländern, 2025 rund 11,4 Milliarden Dollar Umsatz. IRIS² hat, Stand heute, keinen einzigen Satelliten oben.

Bis IRIS² 2030 vollständig steht, wird Starlink ein Vielfaches seiner heutigen Größe erreicht haben. Das Budget ist außerdem schon gestiegen, von ursprünglich rund 6 Milliarden auf jetzt 10,6. Sieben Jahre Rückstand, zehntausend Satelliten Unterschied. Kein fairer Wettkampf, das war er nie.

Es geht nicht um Marktanteile

IRIS² muss Starlink nicht schlagen. Dieselbe Logik wie beim digitalen Euro: Es reicht, dass die Alternative existiert und funktioniert.

Ein europäisches Militär, eine Grenzbehörde, ein Katastrophenschutz-Team müssen dann nicht mehr hoffen, dass der Eigentümer eines privaten amerikanischen Netzes gerade zufällig ihrer Politik zustimmt. Fähigkeit statt Marktanteil.

Anfang 2026 hat SpaceX übrigens in großem Stil Terminals in besetztem Gebiet abgeklemmt, weil Russland sie unautorisiert nutzte. Diesmal traf es die falsche Seite, half also der Ukraine. Auch das zeigt nur: Der Schalter liegt bei einem Unternehmen, nicht bei einem Parlament, und wer welche Seite trifft, entscheidet sich jedes Mal neu.

Die Schwächen liegen offen

6,5 Milliarden Steuergeld für etwas, das erst 2029 live geht, ist in einem Jahr knapper Haushalte überall in Europa keine leichte Nummer. Ein 2024 entworfenes System, das 2030 fliegt, riskiert technisch bereits veraltet zu wirken. Raumfahrt-Technik altert inzwischen im Tempo eines Smartphones.

Und IRIS² ist für Regierungen gebaut, nicht für euch. Keine Schüssel fürs eigene Dach, keine Alternative zum Heim-Internet. Reine Infrastruktur. Dazu Europas Erfahrung mit großen gemeinsamen Projekten: Sie verzögern sich gern.

Wichtig ist, ob es geht

IRIS² wird Starlink nicht einholen. Das war auch nie der Anspruch.

Die eigentliche Frage lautet, ob Europa in einer Krise kommunizieren kann, ohne einen Mann auf der anderen Seite des Atlantiks um Erlaubnis zu fragen. Heute kann es das nicht. 2030 vielleicht.

Sieben Jahre zu spät und ein paar tausend Satelliten zu wenig. Aber besser als für immer abschaltbar zu bleiben. Was Europa an digitaler Souveränität sonst noch fehlt, ordne ich an anderer Stelle ein.

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