Ich stecke irgendwo in der Mitte.
Ein paar hundert, vielleicht ein, zwei Tausend Euro im Monat vom Schreiben. Ein Newsletter. Dazu eine Handvoll Produkte, ein bisschen Affiliate, das Partner-Programm. Kein nichts. Es ist schön. Aber kein echtes Auskommen, jedenfalls hier in Deutschland.
Ein paar Jahre fühlte sich dieser Platz gut an. Weiter veröffentlichen, ein bisschen besser werden, und die Zahl kriecht nach oben.
Das wird schwerer, habe ich das Gefühl. Die Arbeit ist nicht schlechter geworden. Aber die Mitte selbst dünnt aus. Geht euch das auch so?
Die Mitte dünnt aus
Die Creator-Economy ist riesig geworden. Irgendwas nördlich von 200 Milliarden Dollar. In den USA nennen sich über 1,5 Millionen Menschen hauptberufliche Creator, rund siebenmal so viele wie 2020.
Man könnte also denken, es ist mehr zu verteilen. Ist es auch. Nur nicht so, wie man hofft.
Ein Bericht sagt: Die oberen 10 Prozent der Creator kassierten 2025 ganze 62 Prozent aller Zahlungen, zwei Jahre vorher waren es noch 53. Allein das oberste Prozent griff sich etwa ein Fünftel.
Und dann die eine Zahl, die alles sagt. Der Durchschnittsverdienst stieg. Der Median fiel, von rund 3.500 auf 3.000 Dollar.
Wenn der Schnitt steigt, während die Mitte fällt, wisst ihr genau, wohin das Geld geflossen ist.
Dieselbe Form wie die Lohnschere. Wenige ganz oben, viele ganz unten, die fast nichts verdienen, und dazwischen wird es von beiden Seiten zusammengedrückt.
Eine Mittelschicht gibt es kaum noch.
Marken überspringen die Mitte
Für viele Creator war das Geld nie die Plattform allein. Es waren die Markendeals. Und Marken geben anders aus als früher.
Wenn die Budgets eng werden, gehen sie in zwei Richtungen. Nach oben, zu den großen Namen mit Reichweite. Oder nach unten, zu den Nano- und Mikro-Creatorn, die billig sind und in Masse kommen.
Die Mitte fällt durchs Raster. Wieder. Zu teuer für ein Schnäppchen, zu klein für die Schlagzeile.
Und dann die KI
Der andere Druck trifft Schreibende, Bloggerinnen und kreative Köpfe härter als alle anderen.
Die Suche war lange der große Gleichmacher. Eine kleine Seite konnte ranken, gefunden werden und jahrelang Leser ziehen. So hat ein großer Teil der Mitte überhaupt überlebt.
Googles AI Overviews fressen das. KI-Chats fressen das. Sie beantworten die Frage direkt, also klickt kaum noch jemand in den Artikel. Taucht so eine Zusammenfassung auf, gehen nur noch etwa 1 Prozent zur Quelle durch. Ein Prozent.
Im Jahr nach dem Start der AI Overviews brach der Traffic auf Nachrichtenseiten um rund ein Viertel ein. Manche kleinen Publisher verloren 60 Prozent. Ein paar noch mehr.
Die KI konkurriert mit uns um Aufmerksamkeit. Und sie verändert auch die Leser. Sie überfliegen eine Zusammenfassung und ziehen weiter. Das Langsame, Sorgfältige, das die Mitte gut kann, presst eine Maschine in drei Stichpunkte, bevor ein Mensch es überhaupt sieht.
Dieselbe Flut erlebt gerade die App-Welt. Was der KI-Schwall für die kleinen Entwickler bedeutet, habe ich nebenan aufgeschrieben.
Plattformen belohnen Extreme
Substack erzählt dieselbe Geschichte. Der Bruttoumsatz der Autoren klettert weiter, über 450 Millionen Dollar. Klingt großartig.
Aber der Median-Autor dort verdient vielleicht 4.000 Dollar im Jahr. Ein paar Dutzend Leute machen über eine Million. Die meisten ein paar hundert, wenn überhaupt.
Algorithmen helfen der Mitte nicht. Sie belohnen, was eine Reaktion auslöst. Empörung, Drama, große Behauptungen, kurze Stöße. Die ruhige Autorin, die zweimal die Woche ohne Theater veröffentlicht, ist genau die Sorte Arbeit, die untergeht.
Früher reichte gut. Verlässlich veröffentlichen, Vertrauen aufbauen, Leuten helfen. Heute drehen sich die Regeln um Hooks, Funnels und Lautstärke. Der Markt belohnt das Spektakel.
Das zehrt
Wenn oben jemand „35.000 Dollar diese Woche" postet, soll das inspirieren. Für die ganz unten tut es das vielleicht.
Für die Mitte ist es ein Stich. Weil sie näher dran ist, als es sich anfühlt, und der Abstand trotzdem riesig aussieht. Und die Fragen fangen an. Stimmt meine Nische nicht? Strenge ich mich zu wenig an? Müsste ich lauter sein, extremer, weniger nachdenklich?
Ich glaube nicht, dass es Neid ist. Eher das Gefühl, hart zu arbeiten und dabei zuzusehen, wie die Charts so tun, als gäbe es einen nicht.
Die Mitte arbeitet. Die Großen automatisieren. Die ganz unten probieren mal. Die Mitte redigiert den Text, beantwortet die Kommentare, baut die echte Community. Und hört dann, das sei nicht das richtige Format gewesen.
Die andere Seite
Die Mitte stirbt an einer Stelle und hält an einer anderen. Sie stirbt im Kurzformat, dem billigen, austauschbaren Zeug, das eine Marke aus fünfzig Mikro-Creatorn neu zusammensetzen kann. Sie hält im Langformat, wo ein echtes Publikum etwas ist, das niemand zurückkaufen kann.
Das ist, was der Mitte bleibt. Vertrauen. Ein Mensch, der wirklich liest. Marken und Leser lehnen sich beide an die an, die nicht nur der Viralität hinterherrennen. Sie wollen Glaubwürdigkeit.
Auf eine einzige Plattform verlassen können wir uns nicht. Die Deals versiegen, der Algorithmus dreht sich, der Suchtraffic bricht weg, und wer alle Eier in einem Korb hat, geht mit unter. Den eigenen Newsletter besitzt nur ihr selbst.
Mittendrin
Die Creator-Mittelschicht wird von allen Seiten zugleich gedrückt. Marken, Algorithmen, Suche, KI, und eine Kultur, die die Kamera nur auf die Extreme hält.
Über dieses Problem habe ich schon mehrfach geschrieben, und ich komme immer wieder darauf zurück. Weil es persönlich ist. Ich stecke mittendrin.
Die Mitte macht die beste Arbeit. Leben kann sie davon nicht.

