Wero muss Visa nicht schlagen, nur den Preis deckeln

Burk Von Burk
Wero muss Visa nicht schlagen, nur den Preis deckeln

Vor einem Jahr tauchte in meiner Banking-App ein neuer Knopf auf. Geld sofort verschicken, quer durch Europa, ohne IBAN-Formular und ohne PayPal dazwischen. Wero.

Ich hielt es zuerst für eine weitere Bezahl-App, von denen es schon zu viele gibt. Inzwischen sehe ich darin etwas anderes: die ersten Meter einer eigenen europäischen Zahlungs-Infrastruktur. Getragen von 16 Banken als Eigentümern, ausgerollt über 13 Länder, ein Kontinent, der anfängt, seine eigenen Schienen zu legen.

Und der eigentliche Trick daran ist ein bescheidener. Wero muss Visa und Mastercard nicht verdrängen. Es muss nur groß genug werden, dass die beiden ihre Preise nicht mehr allein bestimmen können.

Ein Jahr, 43 Millionen Nutzer

Wero ging Mitte 2025 an den Start. In den ersten zwölf Monaten haben sich rund 43,5 Millionen Menschen registriert, vor allem in Deutschland, Frankreich und Belgien, und darüber mehr als 7,5 Milliarden Euro verschickt (Stand: Europäische Bankenmagazine, Sommer 2026).

Zum Vergleich: iDEAL, das niederländische System, das nächstes Jahr komplett in Wero aufgeht, brauchte für eine vergleichbare Verbreitung in einem einzigen Land etwa fünf Jahre. Wero hat das in drei Ländern parallel geschafft.

2025 stiegen Revolut, ING und die Deutsche Bank ein. Allein Revolut bringt Millionen zusätzlicher Kundinnen und Kunden in jedes EU-Land mit, in dem die Bank aktiv ist. Online bezahlen geht in Deutschland und Frankreich bereits, die Niederlande folgen 2026 mit der iDEAL-Migration. Das Bezahlen im Laden, der Moment, in dem ihr das Handy an ein Terminal haltet, statt über Visa oder Mastercard zu laufen, kommt ab 2026 in Pilotprojekten dazu.

Der Abstand bleibt riesig

Nüchtern betrachtet ist das trotzdem ein Zwerg gegen zwei Riesen. Mastercard hat allein in der EU über 900 Millionen Karten im Umlauf. Wero zählt 43,5 Millionen Nutzer.

Selbst in Deutschland, dem allerersten Startmarkt, liegt Wero nach einem Jahr bei etwa fünf Prozent des Transaktionsvolumens. Visa und Mastercard wickeln zusammen weiterhin rund zwei Drittel aller Kartenzahlungen in der Eurozone ab. Weltweit bewegen die beiden jährlich Beträge im zweistelligen Billionenbereich. 13 EU-Staaten haben bis heute überhaupt keine eigene nationale Bezahl-Alternative. Jede Kartenzahlung dort läuft über US-amerikanische Infrastruktur.

Diesen Abstand holt Wero nicht in zwei Jahren auf. Wahrscheinlich nicht in fünf.

Wero muss Visa nicht verdrängen

Der Punkt ist aber ein anderer, und hier wird es interessant. Wero braucht keine 50 Prozent Marktanteil, um die Spielregeln zu ändern. Es muss nur den Punkt erreichen, an dem es als glaubwürdige Alternative funktioniert. Ein Zustand, in dem europäische Regierungen, Banken und Aufsichtsbehörden auf Visa und Mastercard schauen und denken: Es gibt eine zweite Option, die läuft, und sie steht auf europäischer Infrastruktur.

Nicht das Gesamtvolumen zählt, sondern die Fähigkeit, jede Zahlungsart abzudecken. Überweisungen zwischen Privatpersonen quer durch Europa laufen seit diesem Jahr. Online-Zahlungen sind in Deutschland und Frankreich live. Das Bezahlen am Ladenterminal kommt. Und für die erste Jahreshälfte ist ein zentraler Knotenpunkt geplant, der Wero mit den nationalen Systemen zusammenschaltet: mit Bizum in Spanien, Bancomat in Italien, MB Way in Portugal, MobilePay im Norden.

Sobald das alles läuft, können Visa und Mastercard den Preis nicht mehr im Alleingang setzen. Das ist der ganze Hebel.

0,7 statt 3 Prozent

Am deutlichsten wird der Hebel beim Geld. Visa und Mastercard verlangen von Händlern je nach Fall zwischen einem und drei Prozent pro Transaktion, bei grenzüberschreitenden Zahlungen oft mehr. Weros Gebührenstruktur liegt bei etwa 0,7 Prozent.

Für einen europäischen Einzelhändler, der im Jahr Millionen an Kartenzahlungen abwickelt, sind das Zehntausende Euro, die im eigenen Betrieb bleiben, statt vom Kontinent abzufließen. Luca Russignan vom Capgemini Research Institute hat es gegenüber Cybernews auf den Punkt gebracht: Schon ein teilweiser Erfolg beim Einsammeln der heimischen europäischen Zahlungen würde faktisch deckeln, was die globalen Kartennetze hier künftig verlangen können.

Wero muss also gar nicht gewinnen. Es muss nur groß genug existieren, um dauerhaft eine Obergrenze in die Preise der anderen zu ziehen. Und das scheint zu funktionieren.

Diesmal steht der Staat dahinter

Was Wero von früheren europäischen Anläufen unterscheidet, ist die politische Rückendeckung. 13 Länder haben die sogenannte Europa-Alliance unterzeichnet, 16 große Banken tragen Wero mit Kapital und Kundenstamm. EZB-Präsidentin Christine Lagarde drängt seit Längerem auf eine europäische Zahlungs-Infrastruktur, und der Vorsitzende eines EZB-Ausschusses hat öffentlich gewarnt, dass Washington Europas Zahlungsverkehr jederzeit abschalten könnte, weil nahezu alles über amerikanische Netze läuft.

Dazu passt der digitale Euro: Im Juni 2026 hat der zuständige Wirtschaftsausschuss des EU-Parlaments den Rahmen dafür mit 43 zu 14 Stimmen beschlossen, ausdrücklich als Frage der monetären Souveränität, Ziel ist ein Start bis 2029. Kurios dabei: Wero selbst ist gegenüber dem digitalen Euro skeptisch, sein Chef warnt vor einer Wettbewerbsverzerrung durch dessen gesetzlichen Status. Europäische Souveränität ist eben kein einzelnes Projekt, sondern mehrere, die sich gelegentlich in die Quere kommen.

All das ist Teil eines größeren Musters, über das ich schon an anderer Stelle geschrieben habe. Europa koppelt sich auf mehreren technischen Ebenen gleichzeitig ab. Der Zahlungsverkehr ist nur die langsamste davon.

Noch fühlt es sich nach Beta an

Ich will nichts schönreden. Die Verbreitung ist ausgerechnet dort langsam, wo sie am schnellsten sein müsste. Fünf Prozent Transaktionsvolumen in Deutschland nach einem Jahr sind nicht viel. Gewohnheiten sind zäh, und Apple Pay und Google Pay haben die Bequemlichkeit auf ihrer Seite.

Wero funktioniert, aber es reißt niemanden vom Hocker. Es gibt keine Funktion, für die man wechseln möchte. Es ist ein Bezahlsystem, es tut, was es soll, mehr nicht. Der grenzüberschreitende Teil wird gerade erst verkabelt: Einer Freundin in Italien von Deutschland aus Geld schicken ist technisch möglich, fühlt sich für mich aber noch wie ein Beta-Produkt an. Und die politische Rückendeckung ist an Bedingungen geknüpft. Ein Kurswechsel in der EZB, eine neue Bundesregierung, und die Dringlichkeit könnte verpuffen.

Das Ziel war für Wero aber nie, den ganzen Markt zu erobern. Das Ziel ist, dass Europa beim nächsten Mal, wenn Washington daran erinnert, dass es den Schalter für den Zahlungsverkehr umlegen kann, auf diesen Schalter schauen und sagen kann: Nur zu. Wir haben unseren eigenen. Von diesem Punkt sind wir noch ein gutes Stück entfernt. Aber immerhin ist er im Bau.

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